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neuer Beitrag
 29.07.2002 11:00
 
Lieber Graf Ortho,
warum schreibt man Nummer mit doppel m, numerisch aber nur mit einem m?
Ist numerisch nicht von Nummer abgeleitet?
Grüße
Gabi
neuer Beitrag
 29.07.2002 23:59
 
Liebe Gabi,
unter meinen Prinzipienwächtern gab es eine kurze hitzige Diskussion auf deine Frage. Aber auch eine klare Antwort.

"Prima" freute sich Frau Kurz über deine Frage. "Das ist doch wirklich Unfug. Wir schreiben:

    Nummer und nummerieren aber Numerale, Numerik und numerisch

"Die Wörter sind von dem lateinischen numerus abgeleitet," erklärte Frau Fremd. "Das Wort Nummer haben wir früher schon mit Doppelkonsonanten geschrieben. Das Wort nummerieren wurde bei der Rechtschreibreform an diese Schreibweise angepasst. Bei den anderen Wörtern ist die Fremdwortschreibung erhalten geblieben."

"Ein wildes Durcheinander. Das versteht kein Mensch,"
wetterte Frau Kurz.

"Nix ist da durcheinander," konterte Frau Laut. Sie hatte gleich die richtige Idee zu deiner Frage.
"Der Vokal und die Betonung ändern sich. Bei Nummer und nummerieren ist das u kurz und betont, also folgt ein Doppelkonsonant. Bei numerisch dagegen ist das u unbetont. Die Betonung liegt auf dem e. Folglich schreiben wir nur einen Konsonanten."

"Und das Wortstammprinzip? Gilt das hier nicht?",
wollte Herr Schön wissen, der diesen Wechsel gar nicht schön fand. "Nein!", war Frau Lauts knappe Antwort. "In diesem Falle hat Frau Laut einfach die Oberhand", pflichtete Herr Wort bei. "Nein, nicht nur in diesem Falle, sondern immer!" wollte Frau Laut das letzte Wort haben.

Ein paar Beispiele: Nehmen wir nur die Verben. Hier gibt es ganz viele, bei denen sich die Aussprache des Vokals und damit auch die Schreibung ändert:

  • Aus einem kurzen Vokal wird ein lang gesprochener, aus einem Doppelkonsonanten wird ein einfacher:
    bitten - bat - gebeten, essen - aß, fallen - fiel, fressen - fraß, kommen - kam, lassen - ließ, messen - maß, schaffen - schuf, schrecken - schrak, sitzen - saß, stecken - stak, treffen - traf, vergessen - vergaß, wissen - weiß
  • Aus einem langen Vokal wird ein kurz gesprochener, aus einem einfachen Konsonanten wird eine Konsonantenverdopplung:
    fließen - floss, genießen - genoss, gießen - goss, kneifen - kniff, leiden - litt, nehmen - nimmst, pfeifen - pfiff, reißen - riss, reiten - ritt, saufen - soff, s******n - schiss, schleifen - schliff, schleißen - schliss, schließen - schloss, schmeißen - schmiss, schneiden - schnitt, schreiten - schritt, sieden - sott, sprießen - spross, streiten - stritt, treten - tritt, triefen - troff, vergießen -vergoss, verdrießen - verdross

Soweit die Vokale. Noch viel mehr Variationen gibt es bei Ableitungen ..."
"Genug, genug"
stoppte nun Herr Wort den Redefluss von Frau Laut.

Also:
Ändert sich die Lautung, dann ändert sich auch die Schreibung. Insofern hat das Lautprinzip Vorrang vor dem Wortstammprinzip.

Einen herzlichen Gruß
Graf Ortho

p.s. Dieser Brief ist auch auf der Seite der Wörter mit n veröffentlicht.
neuer Beitrag
 30.07.2002 00:15
 
Lieber Graf Ortho,
danke für deine promte, ausführliche Erklärung. Damit kann ich leben und habe nun keinen "Schiss" mehr, den Kindern das richtig zu erklären.
Liebe Grüße
Gabi
neuer Beitrag
 30.07.2002 00:39
 
Liebe Gabi, lieber Graf Ortho,
für mich wird an dieser Stelle noch einmal deutlich, wie wichtig für Lernende das Lautprinzip ist.

Das erste und wichtigste Prinzip ist: Schreib wie du sprichst, aber sprich deutlich und Hochdeutsch. Die Rechtschreibung wird in großem Maße von der Sprache abgeleitet (nicht nur).

Wenn die Lautebene nicht gesichert ist, dann bekommen diese Kinder zwangsläufig bei den folgenden Lernbereichen Schwierigkeiten. LRS entsteht, weil wir Kindern zu früh morphematische und wortbezogene Prinzipien sowie Ausnahmeschreibungen vermitteln, ohne dass die Lautebene wirklich gesichert ist.

An dieser Frage wird aber auch der enge Zusammenhang zwischen den Lernbereichen WU und LV deutlich. Hier wird man mehrmals hin und her wechseln, bevor die Zusammenhänge völlig verstanden werden können. Eine lineare Abfolge (z.B. erst LV, dann WU oder umgekehrt) ist für diese Lernbereiche nicht angemessen.

Herzliche Grüße
Norbert
neuer Beitrag
 01.08.2002 10:48
 
Ausnahmen sind aber trotzdem die Worte Numerale und Numerus (clausus), die sich trotz Aussprache (Doppel-m wäre angesagt) nach den der lateinischen Rechtschreibung richten, oder?
Christhart
neuer Beitrag
 01.08.2002 22:54
 
Lieber Christhart,
ganz richtig. Beide Schreibungen sind in der Fremdwortschreibung erhalten geblieben. Das erscheint auch sinnvoll, weil

  • durch die Endungen diese beiden Wörter eindeutig als Fremdwörter identifiziert werden können
  • beim Wort Numerale die Betonung zudem auf dem lang gesprochenen a liegt und
  • beide Wörter nur in der wissenschaftlichen Sprache vorkommen.

Insofern ist in diesen beiden Fällen die Schreibung mit einem m keine Ausnahme.

Die Verwirrung mit einem oder zwei m ist schon sehr alt. Im 16. Jhd. wurde das Wort aus ital. numero in der Kaufmannssprache in der Bedeutung von Zahl, Anzahl, Menge in Abgenzung zum mathematischen Zahlbegriff eingeführt. Die Kaufleute waren keine Wissenschaftler und sprachen demnach auch kein Latein. Schon recht frühzeitig wurde das Wort "eingedeutscht" und bereits im 18. Jhd. war Nummer die allgemein verwendete Schreibweise. Der Begriff *numerieren wurde als mathematischer Begriff von lat. numerare abgeleitet und daher mit nur einem m geschrieben. Dies blieb die offizielle Schreibweise bis zur Rechtschreibreform, wenngleich auch schon in älteren Wörterbücheren die Schreibung nummerieren mit dem Zusatz ugs (umgangssprachlich) aufgeführt wurde.

Bei der Rechtschreibreform gingen die Autoren davon aus, dass für den normalen Schreiber Nummer und nummerieren eng zusammen gehören und beide Wörter allgemein nicht mehr als Fremdwörter erlebt werden. Daher wurde dem Wortstammprinzip Vorrang eingeräumt. Da die Begriffe Numerale, numerisch, Numerus weitgehend der Wissenschaftssprache (s.o.) zugeordnet werden, wurde hier die Schreibweise mit m beibehalten.

Ganz genau genommen ist das Wort nummerieren die Ausnahme. Da die Endung auf ein Fremdwort verweist und die Betonung auf dem ie liegt, ist streng genommen eine Doppelkonsonantschreibung nicht korrekt. Alle Wörter die auf ieren enden und zugleich mit Doppelkonsonanten geschrieben werden, haben diesen Doppelkonsonanten schon in der Herkunftssprache (z.B. addieren - l. addere, dressieren - frz. dresser, installieren - l. installare, massieren - frz. masser, schraffieren - it. sgraffiare usw. usf.) So wurde durch die Rechtschreibreform aus der regelhaften Schreibung numerieren die Ausnahmeschreibung nummerieren. (Aber das sieht Herr Wort natürlich ganz anders.)

Grüße aus Orthografien
Graf Ortho
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